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Vykintas Baltakas

Neue Musik aus Litauen? Ja, natürlich kennen wir baltische Musik und denken an eine Mischung von spiritueller Meditation und Minimalismus, an Arvo Pärt oder Peteris Vask. Weit gefehlt, das Baltikum – aus deutscher Sicht oft als Einheit wahrgenommen – hat eine Musikszene, die vielfältiger ist, als das, was nach dem Ende der Sowjetunion im Westen bekannt wurde und unsere Klischeevorstellungen prägte. Einen der begabtesten litauischen Komponisten suchte man in seiner Heimat jahrelang vergeblich auf den Konzertprogrammen, zu stark noch waren die zentralistischen Strukturen, zu groß vielleicht auch der Neid auf einen, der nie in den Komponistenverband eingetreten ist und es dennoch geschafft hatte.

Eigentlich heißt er Vykintas Bieliauskas, aber das ist wohl nur für einen Litauer stolperfrei auszusprechen. Also änderte er kurzerhand in Baltakas, ein Name, der mittlerweile auf kaum einem Festivalprogramm in Europa fehlt. Man darf ihn getrost einen Senkrechtstarter nennen, und zwar gleich in zweierlei Hinsicht: Vykintas Baltakas ist nämlich nicht nur Komponist, sondern auch Dirigent. Nicht, wie manche seiner Komponistenkollegen Autodidakt, sondern professionell ausgebildet an der Musikakademie in Vilnius und später in Karlsruhe.

In einer Musikerfamilie aufgewachsen, erhält er schon als Zehnjähriger den ersten Kompositionsunterricht, schreibt Kinderlieder, die von der Stadt Vilnius sogar honoriert werden. Er hat eine fundierte Musikausbildung erhalten, wie sie in vielen Ländern Osteuropas selbstverständlich war, und ist heute dankbar dafür – viele der Probleme, mit denen die Erstsemester der deutschen Musikhochschulen (und ihre Lehrer) sich herumschlagen, tauchen bei ihm gar nicht erst auf. Als er dann zu Wolfgang Rihm an die Musikhochschule Karlsruhe kommt, ist sein kompositorisches Handwerk bereits recht entwickelt, so dass er vor allem von der enormen Repertoirekenntnis, dem philosophischen und literarischen Wissen des Lehrers profitieren kann. Rihm ist diskussionsfreudig, offen für alle ästhetischen Richtungen und ermutigt seine Studenten, immer wieder neu und anders zu denken. Hier mag der Keim gelegt worden sein für das, was heute das musikalische Denken von Baltakas ausmacht. Komponieren ist für ihn immer auch Interpretieren, das spielerische Ausloten von Möglichkeiten, die in einer Idee stecken, die äußerst sensible Wahrnehmung der Beziehung zwischen der eigenen Person und seiner Musik. Nicht von ungefähr betrachtet er seine Werke als Mosaikteilchen eines Ganzen, von dem man noch nicht weiß, was es einmal sein wird. Alles ist offen, alles ist möglich. Musik ist für ihn ein lebendiger Organismus mit einem Eigenleben, das der Komponist nicht vollständig kontrollieren kann. Er „kann es beeinflussen, anstoßen, ihm Richtungen geben, Entscheidungen treffen. Man gibt Impulse, aber man bekommt von der Musik auch Impulse zurück, die man dann wieder verarbeitet und die dann wieder zurückschwingen.“

Das Dirigieren ist bis heute – obwohl er als Komponist inzwischen so viele Aufträge bekommt, dass er seine Zeit gut verwalten muss – sein zweites Standbein geblieben und befruchtend auch für die kompositorische Arbeit. Mehrere Jahre besuchte er Kurse bei Peter Eötvös, der selbst in beiden Professionen aktiv ist, und arbeitet zeitweise sogar als dessen Assistent. Baltakas dirigiert nicht nur Neue Musik, sondern auch klassisches Repertoire und hat mit so renommierten Orchestern wie dem WDR-Orchester oder dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks gearbeitet. Selbst Karlheinz Stockhausen – als äußerst anspruchsvoll und kritisch bekannt – hat ihm seine Werke anvertraut.

Wie viele Menschen, die in den geschlossenen Gesellschaften Osteuropas aufgewachsen sind, hat er einen unstillbaren Durst nach Wissen und neuen Erfahrungen. Deshalb hat er 1993 sein Land verlassen, deshalb ist er später nach Paris gegangen, wo er bei Emmanuel Nunes am Conservatoire studierte und dann noch ein Jahr lang Kurse am IRCAM besuchte, weil er die Beherrschung der elektronischen Mittel heutzutage als notwendiges Rüstzeug für einen Komponisten betrachtet, ob er sie einsetzt oder nicht.

Diese Neugier war es auch, die ihn reizte, die Einladung des Siemens Arts Program und des Ensemble Modern, mit dem er seit einigen Jahren regelmäßig zusammenarbeitet, anzunehmen und nach Dubai zu gehen, in die rasant wachsende Metropole am Persischen Golf. Das Emirat Dubai ist ganz anders als Marokko, das andere islamische Land, das er kürzlich besucht hat – modern, dynamisch, reich. Baltakas hat seine Klischeevorstellungen ganz bewusst zu Hause gelassen, nähert sich dem Fremden mit großer Offenheit und versucht, hinter die Kulissen zu schauen. Die Kopftuchfrage zum Beispiel, um die in Europa so erbittert gestritten wird, stellt sich hier offenbar gar nicht in dieser Schärfe. Dubai ist modern, dynamisch und reich – Menschen aus 150 Nationen, jung zumeist, gut ausgebildet und ehrgeizig, leben hier scheinbar konfliktfrei miteinander, obwohl das Land weit entfernt ist von demokratischen Verhältnissen. Die Gesellschaft ist an Handel und Konsum orientiert, seiner Beobachtung nach ist dieses merkantile Moment das Bindeglied zwischen arabischer Tradition und globalisierter Moderne. Dieses Spannungsfeld, die Modernität und Geschwindigkeit von Dubai sind sein Thema. Im September geht er zurück, um Tonaufnahmen zu machen – diesmal will er mit Elektronik arbeiten – aber auch, um einen Workshop zur zeitgenössischen Musik für junge Leute zu geben an der Musikschule, die der Palästinenser Rawdi Abaidoh in Dubai gegründet hat.

Heike Hoffmann / Juni 2008

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